Das Konzept: Vom Leerraum zum Kunstraum

Manch eine/r fragt sich, wie so ein Projekt realisiert werden konnte, denn der Ausgangspunkt „Leerstand“ ist sicherlich kein Alleinstellungsmerkmal in Aurich.
Wie so oft, hängt vieles vom Zufall und Zeitpunkt ab und den richtigen Leuten, die sich als Team zusammenfinden, ihre unterschiedlichen Kompetenzen einbringen und das Projekt vorantreiben. Ebenso notwendig ist ein Höchstmaß an Flexibilität, Spontanität  und Experimentier- und Kommunikationsfreude, denn dieses Projekt bleibt „work in progress“ und wir wissen nicht, wann es an diesem Ort zu Ende sein wird und wo es danach weitergehen könnte. In unserem Fall war es zudem sicherlich ein Vorteil, dass der Auricher Bürgermeister Heinz – Werner Windhorst das Projekt von Beginn an unterstützt hat und dem dafür unser besonderer Dank gilt.

Wie alles begann

Leerstand in der Innenstadt kann nerven und (zer)stört die Attraktivität und das geschäftliche Leben.
So war es auch in Aurich, wo ein ganzer Straßenzug in der Auricher Fußgängerzone still vor sich hinschlummerte. Am 31.05.18 kam es mehr oder wenig zufällig am Ende einer Sitzung des Sanierungsausschusses zu einer Intervention seitens Elke Lenk von der Kaufmannschaft und Gila Altmann, Grüne Ratsfrau über den Leerstand in einem ehemaligen Möbelhaus und späteren KIK- Gebäude in der Osterstraße. Ein Leerstand, der seit längerem ein Problem für die umliegende Geschäfte darstellte, da der gesamte Straßenabschnitt zu veröden drohte.
Die Sitzung endete mit der Aufforderung: „Macht mal ein Konzept“.

Die Idee

Am 14.06. 18 trafen sich Mitglieder der Grünen Vorstandes und der Kaufmannschaft im Büro der Grünen, das dem leerstehenden Gebäude genau gegenüberliegt, um sich über ein Konzept zur Belebung des Leerstandes zu verständigen. Dabei waren u.a. Elke Lenk, Udo Hippen, Klara Jehn-de Witt, Regina Stegemann, Gunnar Ott und Gila Altmann. Das gemeinsame Brainstorming lieferte den ersten Rahmen für die Idee einer Galerie mit begrenzter Dauer. Künstler*innen verschiedener Genres sollten die Möglichkeit bekommen, niederschwellig aber bürgernah kreativ zu betätigen. Die Idee selbst war nicht neu, aber zum ersten Mal hatten wir gemeinsam das Gefühl, dass es in der Konstellation der unterschiedlichen Akteur*innen etwas werden könnte und entwickelten eine gemeinsame Strategie.

Die Initiativgruppe

Ein erstes Gespräch zwischen Udo Hippen als Vorsitzender der Kaufmannschaft, Gila Altmann, und Bürgermeister Windhorst verlief positiv, so dass nun ein schriftliches Konzept benötigt wurde.
In der Folge bildete sich eine Initiativgruppe bestehend aus Elke Lenk, Gila Altmann, Inka Janssen, Udo Hippen und Wolfgang Jacobs, (alphabetische Reihenfolge) die die Bereiche Wirtschaft, Kultur und Politik repräsentierten.
Weitere Treffen folgten, an deren Ende das ausdifferenzierte Konzept von Inka Janssen und Gila Altmann in eine schriftliche Form gegossen wurde. (siehe Originalkonzept)

Der Nutzungsvertrag

Das Konzept wurde an Politik und Verwaltung gegeben. Mehrere Ortsbesichtigungen, Gespräche auf Verwaltungsebene endeten mit der Ausarbeitung eines Nutzungsvertrages für das Projekt „Zwischenraum“ wie es mittlerweile benannt worden war. Der Nutzungsvertrag sieht eine sechs monatige Nutzung, beginnend am 01.09.18 bis zum 28.02.2019 vor und verlängert sich dann monatlich. Die Stadt stellt den Raum unentgeltlich zur Verfügung, die Gruppe muss die Nebenkosten für Strom, Gas, Wasser und Heizung tragen. Ein nicht unerheblicher Posten bei einem Raum von fast 420 m² Ausstellungsfläche.
Am 23.08.18, nur knapp drei Monate später wurde das Konzept im Sanierungsausschuss positiv beschieden.

Der Verein

Klar war, dass die Kosten über Beiträge, Sponsoren und Spenden eingeworben werden mussten. Dazu wurde die Gründung eines gemeinnützigen Vereins „Zwischenraum – temporärer Kunstraum e.V.“ vorbereitet, Gründungsmitglieder geworben, eine Satzung erarbeitet, notariell geprüft und ein Gründungstermin festgelegt. Am 04.09.18 wurde der Verein mit 14 Beteiligten unter Mitwirkung von Bürgermeister Windhorst als Gründungs- und Fördermitglied gegründet.
Bei der ersten gemeinsamen Vorstandssitzung am 13.09.18 wurde bereits der Termin der ersten Ausstellung für den 26.10.18 festgelegt, die Voraussetzungen zur Anmeldungen als gemeinnütziger Verein geschaffen, eine passende Domain im Internet gesichert, die Einrichtung eines Vereinskontos  beantragt und weitere organisatorische Notwendigkeiten diskutiert und wesentliche Beschlüsse gefasst.
Das Logo des Vereins wurde von Inka Janssen im Rahmen der vorausgegangenen Initiativgruppe gestaltet und später dem Verein kostenlos zur Verfügung gestellt.

Vorstand und Kreativteam als Vereinsorgane

Als Vorstand wurden Gila Altmann, Jutta Schober – Stockmann und Gunter Schmidt gewählt.  Der Vorstand leitet den Verein mit Blick auf organisatorische, finanzielle und strategische Belange. Er benennt ein Kreativteam welches anhand der darin gebündelten Kompetenz und künstlerischen Erfahrung den Vorstand in der Organisation und Absicherung von Ausstellungen und begleitenden Veranstaltungen berät und unterstützt. Ins Kreativteam wurden Klara Jéhn – de Witt und Wolfgang Jacobs berufen. Von und für die Kaufmannschaft wurde Ernst Doyen delegiert.
Die Mitglieder des Krativteams halten den Kontakt zu den ausstellenden Künstler*innen, koordinieren die Ausstellungen und stehen für Informationen zur Verfügung. Sie sind für die Terminierung der Anlieferungen und Hängungen verantwortlich.
Zensur seitens des Kreativteams findet nicht statt. Die einzige Begrenzung ist der Raum und die umgebenden Wände. Der Platz wird abhängig von den Platzwünschen ausschließlich vom Kreativteam vergeben. Das Kreativteam wird unterstützt von verschiedenen Ehrenamtlichen, die ihre Kompetenzen je nach Notwendigkeit einbringen.

Das Präsenzteam

Um die Öffnungszeitenzeiten, dreimal die Woche jeweils sieben Stunden, abdecken zu können, gibt es eine Reihe von Freiwilligen, die den Betrieb des Kunstraumes absichern. Da jeweils eine Doppelbesetzung für 2-3 stündige Anwesenheit vorgesehen ist, ist eine entsprechende (Wo)Manpower notwendig, in die auch die ausstellenden Künstler*innen miteinbezogen sind. Die Koordination wird vom Vorstand geleistet und monatlich aktualisiert. Unser Dank geht stellvertretend für alle Aktiven an Brigitte, Ellen, Gundi, Regina, Anita, Hinrich, Udo, Sina, Dirk, Renate und Helge. Wir freuen uns über jeden Zuwachs.

Die Künstler*innen

Die Ausstellenden und ihre Exponate sind die eigentlichen Stars des temporären Kunstraumes. Die erste Ausstellung bescherte uns 15 Künstler*innen mit ca. 200 Exponaten in den unterschiedlichsten Stilen und Qualitäten, in einer Vielfalt und Bandbreite, die bei allen Beteiligten Anerkennung und Begeisterung auslöste. Das eigenverantwortliche Hängen der Bilder, die Zuordnung der Plätze, die notwendigen Dokumentationen verlief in bester Stimmung. Anfängliche Unsicherheiten bei den Neulingen, die das erst Mal ausstellten, waren in kürzester Zeit verschwunden und einer lebhaften Diskussion untereinander gewichen.

Das Konzept „Temporärer Kunstraum“

… ist als ein niederschwelliges, inklusives Angebot von Kulturschaffenden aus Aurich und Umgebung für die Bürger*innen in und um Aurich konzipiert. Der temporäre Kunstraum versteht sich als Treffpunkt von Kunstschaffenden und Kunstkonsument*innen. Das Projekt soll der Stadt Aurich und seinen einzelnen Quartieren zur Belebung und zum Imagegewinn dienen. Es soll eine Bereicherung der ostfriesischen Kunstszene darstellen und Leerstände innerstädtischer Gerwerbeimmobilien sinnvoll überbrücken.
Durch ihre innerstädtische Lage befinden sich die jeweiligen Kunsträume im direkten Lebensumfeld der Menschen. Kunst wird so aus der elitären Ecke geholt und wird zu etwas Alltäglichem und Selbstverständlichem. Die Menschen werden unvermittelt beim Flanieren in den Kunstraum „gesogen“. Sie haben dort die Gelegenheit, mit den Künstlern zu sprechen, ihnen „über die Schulter zu schauen“.
Das Projekt „Temporärer Kunstraum“ soll sich von den vorhandenen Kunst- und Kulturangeboten in mehreren Punkten deutlich abheben:

  1. Der Raum in dem die Kunst stattfindet, wird im Gegensatz zu bereits bestehenden Kunstinstitutionen, ein temporärer sein. Dies bedeutet, die Künstler*innen nutzen den zur Verfügung gestellten Raum für einen vom Eigentümer bewilligten Zeitraum als kreative Zwischennutzer*innen. Sie beleben den ansonsten toten Raum in dieser Zeit durch ihre kreativen Arbeiten und ihre Anwesenheit. Der im Stadtbild negativ auffallende Leerstand von Geschäftsräumen ist optisch nicht mehr existent. Im Gegenteil, die Räume werden belebt durch kreative, kulturelle Veranstaltungen und daran interessierte Besucher*innen, was den umliegenden Geschäften und dem Image der Stadt oder einzelner Stadtteile zu Gute kommt. Dieses Konzept findet in größeren Städten bereits mit großem Erfolg statt.
    Für die Künstler*innen stellt der temporäre Kunstraum die Möglichkeit dar, ihre Arbeiten an ungewöhnlichen Orten zu präsentieren. Die Präsentationen sind an kein starres Konzept gebunden sondern, im Gegenteil, sie unterliegen der Lebendigkeit der sich ändernden Zusammensetzung der Künstlergruppen und den angedachten wechselnden Raumsituationen. Die Präsentationen des „Temporären Kunstraumes“ erfinden sich somit immer wieder neu und bleiben lebendig, so dass auch die Besucher*innen und Konsument*innen wach und interessiert bleiben. Der „Temporäre Kunstraum“ soll sich als besonderes, überraschendes kulturelles Erlebnis etablieren.
  2. Das Programm des Kunstraumes soll eine moderne Form des „Kunstsalons“ werden. Ein Ort der Begegnung zu den verschiedensten Themen der Kunst. Die Künstler*innen prägen die Inhalte des  Kunstraumes. Sie entwickeln gemeinsam mit dem verantwortlichen Organisations- /Koordinationsteam Präsentationsideen. Die Ausstellungen können kombiniert werden mit kleinen Konzerten, experimentellen Aktionen, Lesungen. Die Zusammenarbeit mit anderen Kulturinteressierten, Institutionen und Gästen ist erwünscht.
    Die Verwaltung des Projektes soll möglichst klein gehalten werden, der Spielraum möglichst groß. Alles soll unkonventionell und ohne langwierigen Vorlauf möglich sein. Dies hat den Vorteil, dass man auf aktuelle Wünsche, Angebote und Initiativen schnell reagieren kann und die Veranstaltungen selbst auch eine Leichtigkeit und Spontanität besitzen, da sie keiner Monate lange Vorbereitung bedürfen. Dies ermöglicht auch, kreative „Risiken“ einzugehen. Wir können und wollen etwas wagen und so eine neue Form der Kreativität stattfinden lassen.
    Die Form der Ausstellungen kann ebenfalls variieren. Dies kann von einer normalen Hängung von Bildern an Wänden und Stellwänden bis zu ganz neuen Raumlösungen gehen. Verschiedene Kunstschaffende können zu einem Thema ausstellen oder eine*r aus der Gruppe bespielt den ganzen Raum. Ausstellungseröffnungen können relativ kurzfristig geplant und realisiert werden. Es können ebenfalls Ein-Tages-Ausstellungen stattfinden bzw. spontane Installationen oder andere Kunstprojekte. Diese Freiheit und Variabilität macht das Projekt so spannend, das es im weiteren Verlauf dadurch durchaus auch einen überregionalen Bekanntheitsgrad erwerben kann.
  3. Die Künstler*innen, die im temporären Kunstraum ausstellen, sollen – im Gegensatz zu etablierten Kunsteinrichtungen – Kunstschaffende sein, die dort (noch) nicht verankert sind. Ihnen soll eine Chance geboten werden, ihre Arbeit einer breiten Öffentlichkeit zu präsentieren und mit den Menschen ins Gespräch zu kommen.
    Sie brauchen, im Gegensatz zu anderen Ausstellungsinstitutionen, keine künstlerische Ausbildung vorweisen, keine Vita mit Ausstellungen, keine Kataloge sondern ihre Arbeiten sollen für sich sprechen.
    Der wesentliche Ansatz ist der Gedanke der Teilhabe und Inklusion, das heißt wir arbeiten mit Künstler*innen aus allen Schichten und sozialen Gruppen der Bevölkerung unabhängig von Alter, Herkunft und Bildungsstand. Das Prinzip der gegenseitigen Wertschätzung, Toleranz und Anerkennung von Vielfalt sowie die Begegnung auf Augenhöhe ist unser Leitmotiv. Insofern ist neben dem künstlerischen Vermögen auch die soziale Kompetenz aller Beteiligten ein Punkt auf den wir Wert legen.
    Die Auswahl der Künstler*innen geschieht am Anfang durch persönliche Ansprache. Jede Bewerber*in stellt sich mit einem kurzen Konzept und einigen Arbeiten vor. Wenn es zu  viele Interessent*innen gibt, wird ein Koordinationsgremium in Form einer Jury über die Vergabe der Plätze entscheiden. Wünschenswert wäre eine gleitenden Rotation und ein Wechsel der Ausstellungen, um die Attraktion für die Besucher*innen dauerhaft zu erhalten.
  4. Das Koordinationsgremium
    Um die künstlerischen Aktivitäten zu organisieren und die Interessen der Gebäudeeigentümer in der Sache angemessen zu vertreten, bedarf es eines Koordinationsgremiums mit klaren Befugnissen und Zuständigkeiten. Unserer Verein “Zwischenraum – temporärer Kunstraum e.V.” hat sich dies zur Aufgabe gemacht. Innerhalb der verschiedenen Organe des Vereins erbringen wir im Ehrenamt die für den Erfolg des Projektes notwendigen Leistungen wie z.B.:  
    • Erschließung vorhandener Leerräume
    • Auswahl der Künstler*innen
    • Gestaltung der Ausstellungen in Absprache mit Künstler*innen
    • Vorbereitung und Durchführung von Vernissagen
    • Gestaltung von Rahmenprogrammen
    • Gewährleistung des Galeriebetriebes („Schlüsseldienst“, Anwesenheitsdienste und Durchsetzung der Hausordnung)
    • Ansprechpartner*innen für Verwaltung, Künstler*innen und Interessierte
    • Öffentlichkeitsarbeit (Pressearbeit, Pflege einer Website und erforderlicher Social Media Präsenz)
    • Gewinnung und Betreuung von Partnern, Förderern und Sponsoren
  5. Finanzen
    Das Projekt ist ein NON- Profit – Projekt. Als Verein arbeiten wir ehrenamtlich nach den Grundsätzen der Gemeinnützigkeit und finanzieren die Kosten der jeweiligen Raumnutzung aus Mitgliedsbeiträgen und Spenden. Das bedeutet, dass wir vor allem seitens der Gebäudeeigentümer auf deren wohlwollendes Entgegenkommen angewiesen sind, um dieses Projekt erfolgreich bestreiten zu können. Darüber hinaus ist uns selbstverständlich jede finanzielle und materielle Unterstützung – z.B. mit Ausstellungsequipment oder Baumaterial – stets von großem Nutzen und dankbar angenommen.